Individuelle Suchthilfe

Krisenhelfer Alkohol

roter Cocktail, Alkohol

Eine der vielen Fake-News, die uns in der Corona-Krise begleiten, besagt, dass man das Virus mit dem Konsum von hochprozentigem Alkohol in großer Dosis bekämpfen könne. Diese „Behandlungsmethode“ war offensichtlich so weit verbreitet, dass sich die Weltgesundheitsorganisation WHO genötigt sah, ihr aktiv entgegenzutreten. Sie wies Mitte April darauf hin, dass Alkoholkonsum ganz im Gegenteil kein probates Mittel sei, um die Krise zu bekämpfen, und empfiehlt den Mitgliedsländern, Maßnahmen zu setzen, um den Alkoholkonsum bestmöglich einzuschränken. Ganz besonders betreffe das Europa, wo es prinzipiell den höchsten Konsum, aber auch die meisten Todesfälle in Zusammenhang mit Alkohol gebe

Das Schreiben hat eine kleine Diskussion ausgelöst: Habe denn die WHO im Moment keine anderen Sorgen? Und solle man gerade in so schwierigen Zeiten die Bevölkerung mit dem Verbot eines Genussmittels weiter belasten? Tatsächlich stellt sich die Frage, wie sinnvoll es ist, mit Einschränkungen in Bezug auf den Konsum den Unmut von Menschen zu erregen, die sowieso schon auf Grund von Ausgangssperren und eingeschränkter Freizeitmöglichkeiten angespannt sind. Andererseits kann Alkoholkonsum gerade in dieser Situation fatale Folgen haben, wenn etwa die Gewaltbereitschaft in einer beengten Wohnsituation steigt oder die Unfallgefahr mit allen unerwünschten Folgen fürs Gesundheitssystem größer wird.

Doch abgesehen von den möglichen negativen Auswirkungen einer akuten Beeinträchtigung steigt auch das Risiko eines problematischen Konsums und damit einer Suchterkrankung. Alkohol als Genussmittel wird häufig in Gesellschaft zu besonderen Anlässen konsumiert. Die berauschende Wirkung kann dabei als angenehm erlebt werden. Anders jedoch verhält es sich, wenn die Wirkung bewusst eingesetzt wird, etwa um Spannung abzubauen oder Hemmungen zu überwinden. Wenn das regelmäßig passiert und als alleiniges Mittel zur Problemlösung erlebt wird, erhöht sich die Gefahr, eine Sucht zu entwickeln. Viele Menschen, die aus Gewohnheit trinken, haben zwar nicht mehr die ursprüngliche Funktion im Fokus, aber das kommt vor allem daher, dass Alkohol bereits so stark in den Alltag integriert ist, dass er andere Bereiche überlagert. Andere Strategien zur Bewältigung von Herausforderungen werden scheinbar nicht mehr benötigt.

In Krisenzeiten kann Alkohol daher natürlich einen angenehmen Zweck erfüllen: Spannungen abbauen, Ängste verdrängen, die eigene vielleicht problematische Situation für ein paar Stunden vergessen. Dazu kommt, dass es oft wenig zu tun gibt und die soziale Kontrolle wegfällt. Einige werden so die Wirkung von Alkohol neu kennen und schätzen lernen. Menschen hingegen, die schon problematisch konsumieren, haben weniger Grund, sich zu beschränken. Daher erscheint die Annahme plausibel, dass sich insgesamt der Konsum weg vom genussvollen mehr zum problematischen Trinken hin verlagert.

Zahlen dazu gibt es (noch) nicht. Auch die Meldungen darüber, dass die Verkaufszahlen von Alkohol in Supermärkten gestiegen seien, muss man relativieren: Durch die Schließung von Lokalen ist eine Verlagerung des Konsums in den privaten Bereich logisch. Dennoch gilt es gerade jetzt, aufmerksam zu sein und sich auch in einer Zeit der Reduktion gegebenenfalls Unterstützung zu holen.

Der Dialog betreut Menschen mit einem problematischen Alkoholkonsum oder einer Suchterkrankung weiter. Wir erleben in den Telefonaten den hohen Druck, dem unsere Klient_innen ausgesetzt sind. Doch auch die Suchtprävention steht gerade jetzt mit Beratungen zur Verfügung, wenn es um einen erhöhten Alkoholkonsum geht. Sie können uns unter der Nummer 01/205 552 500 erreichen, wenn Sie selbst Ihren Konsum nicht mehr so kontrollieren können, wie Sie das gerne möchten, oder wenn es in Ihrem Umfeld jemanden gibt, dessen Alkoholkonsum Ihnen Sorgen bereitet. Wir beraten Sie gerne und informieren Sie gegebenenfalls über Betreuungs- und Behandlungsangebote. In jedem Fall ist es uns wichtig, dass Sie und Ihre Angehörigen gut und möglichst „trocken“ durch die Krise kommen.

Martin Weber

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