Wie Anhaltung zur Chance wird: 25 Jahre Sozialarbeit im Polizeianhaltezentrum Rossauer Lände
Seit dem Jahr 2000 bietet der Dialog - mittlerweile unter dem Namen dialog:mobil - mehrmals die Woche sozialarbeiterische Beratung für Insass_innen des Polizeianhaltezentrums (PAZ) an. Ursprünglich ins Leben gerufen, um marginalisierte Frauen besser unterstützen zu können, wurde ab 2006 das Beratungsangebot auch auf männliche Insassen ausgeweitet. Das geschlechtsspezifische Angebot berücksichtigt die Vulnerabilität der Zielgruppe und die besonderen situativen Rahmenbedingungen. Die Unterstützung ist spürbar nötig: 2025 hat die Sozialarbeit im PAZ mit 796 Personen 2517 Beratungen durchgeführt. Seit 1999 werden Insass_innen zudem nach amtsärztlicher Zuweisung suchtmedizinisch und psychiatrisch von Ärzt_innen des Dialog behandelt.
Der Schock der plötzlichen Anhaltung
Wer Verwaltungsstrafen nicht bezahlen kann, muss früher oder später eine Ersatzfreiheitsstrafe im PAZ antreten. In Österreich können Personen dabei für maximal 6 Wochen durchgehend angehalten werden. Bestenfalls ist so ein Antritt geplant – nicht wenige Betroffene werden jedoch plötzlich und für sie unerwartet nach einer Polizeikontrolle mitgenommen oder von zu Hause, von der Arbeit oder vom AMS abgeholt. Oftmals gibt es dann keine Gelegenheit mehr, relevanten Personen Bescheid zu geben und Notwendiges mitzunehmen. Viele Insass_innen geraten so kurzfristig in eine Krise, sodass durch die Möglichkeit, Angehörige, den Arbeitgeber oder die Betreuungseinrichtung zu kontaktieren, bereits große Entlastung geschaffen werden kann. Oftmals ist eine nicht bezahlte Strafe jedoch nur ein Aspekt einer insgesamt prekären Lebenslage mit tiefgreifenden finanziellen, sozialen und gesundheitlichen Problemen. Das sozialarbeiterische Angebot im PAZ wird vor allem von den Insass_innen genutzt, deren Ressourcen und Bewältigungsmöglichkeiten nicht ausreichen, um selbst tätig zu werden.
Fall: Herr S., 38 Jahre alt, wird bei einer nächtlichen Kontrolle unter Alkoholeinfluss in Gewahrsam genommen. Er muss vier Wochen bleiben. Er hat seit einer Trennung keinen Wohnplatz und schläft in Parks. Nüchtern wird ihm seiner Situation nun schmerzhaft bewusst - er möchte aktiv werden und etwas ändern. Die Sozialarbeit kann ihm für den Tag seiner Entlassung einen Wohnplatz im Chancenhaus organisieren. Nach einer Beratung über Therapiemöglichkeiten macht sich Hr. S. ein Erstgespräch für eine Alkoholbehandlung aus.
Sozialarbeit als Schnittstelle nach draußen
Nach der Festnahme geht es zunächst vor allem um praktische Hilfen: Insass_innen können bei der Sozialarbeit telefonieren, wichtige Termine absagen, Angehörigen oder der Wohneinrichtung Bescheid geben, Betreuung für ihren Hund organisieren, notfalls Kleiderspenden erhalten oder auch Entlastungsgespräche führen. Häufig kommen dabei umfassende Problemlagen zum Vorschein. Viele Betroffene leben unter prekären Bedingungen, sind finanziell belastet, im Alltag überfordert oder von psychischen Problemen betroffen und zumeist nicht über mögliche Hilfsangebote informiert. Oft fehlen soziale Netzwerke. Die Sozialarbeit kann hier direkte Vermittlungsarbeit leisten und über wohnortnahe Unterstützungsangebote informieren.
Fall: Frau P., 58 Jahre alt, muss zwei Wochen bleiben. Sie lebt sehr zurückgezogen in ihrer Gemeindewohnung, bis auf eine Nachbarin hat sie keine sozialen Kontakte. Es sind zwei Mieten offen, die sie verwendet hat, um die Energierechnung zu bezahlen, damit sie im Winter die Wohnung heizen kann. Sie ist sehr verzweifelt, weil sie Angst hat, die Wohnung zu verlieren. Durch Unterstützung der Sozialarbeit kann sie mit Wiener Wohnen Kontakt aufnehmen und eine Vereinbarung treffen. Sie bekommt außerdem einen Termin bei der Energieberatung der Caritas.
Konsumpause während der Anhaltung
Konsum und unbehandelte Substanzgebrauchsstörungen sind regelmäßig Thema in den sozialarbeiterischen Beratungen - eine Suchtproblematik ist nicht selten mitverantwortlich für die offenen Verwaltungsstrafen. Mit der begleitenden suchtmedizinischen Behandlung der Dialog-Ärzt_innen sind die Betroffenen für die Dauer der Anhaltung häufig erstmals seit längerem unbeeinträchtigt mit ihrer Lebenssituation konfrontiert. Dies führt vermehrt zum Drang, möglichst viele unerledigte Dinge anzugehen, und bietet in der Beratung die Gelegenheit, über Behandlungsmöglichkeiten und die Angebote der Suchthilfe zu informieren.
Fall: Herr F., 26 Jahre alt, muss wegen mehrfacher Störung der öffentlichen Ordnung für 6 Wochen bleiben. Er konsumiert Heroin, Crystal und gelegentlich Kokain. Im PAZ wird er von den Dialog-Ärzt_innen suchtmedizinisch behandelt. Mit klarerem Kopf beginnt er sein Leben zu überdenken – kürzlich ist ein Freund an einer Sepsis gestorben, er möchte nicht so enden und deshalb nicht mehr so weitermachen wie bisher. Er kommt zur Sozialarbeit, um sich über mögliche Hilfe zu informieren. Herr F. hat einen Freund, der im Dialog betreut wird, und kann sich ein Erstgespräch dort daher gut vorstellen.
Beratung als Entlastung und Orientierung
Für Menschen, die sehr vulnerablen Gruppen angehören, ist die Anhaltung im PAZ oft eine besondere Herausforderung, wodurch sie unter großen psychischen Druck geraten können. Neben der möglichen Behandlung durch die Dialog-Ärzt_innen und einem psychologischen Angebot des Dialog ist die Sozialarbeit hier eine unterstützende Begleitung über die gesamte Anhaltedauer, um immer wieder Entlastung und Stabilisierung zu bieten. So ist beispielsweise bei unter 18-Jährigen eine durchgehende Begleitung sinnvoll. Auch von Gewalt betroffene oder anderweitig psychisch besonders belastete Menschen profitieren von einem regelmäßigen Gesprächsangebot ohne konkrete Anliegen sehr, weil dadurch Anspannungs- und Konfliktsituationen mit anderen Insass_innen und Beamt_innen entgegengewirkt werden kann.
Fall: Frau M., 32 Jahre alt, muss sechs Wochen wegen Autostrafen ihres Ex-Mannes bleiben, der sie wiederholt geschlagen hat. Sie selbst hat nicht einmal einen Führerschein. Ihre zwei Kinder (8 und 10 Jahre) werden in der Zwischenzeit von ihrer Mutter betreut und glauben, sie sei im Krankenhaus. Trotz großer Scham spricht sie zum ersten Mal mit jemandem über ihre Belastungen und ist dankbar für Informationen zu finanziellen Beihilfen, die gleich beantragt werden. Sie wird darin bestärkt, nach der Entlassung weitere Unterstützung in einer Frauenberatungsstelle in Anspruch zu nehmen.
Zusammenfassend gesagt: Die Sozialarbeit im PAZ berät und begleitet seit 25 Jahren Insass_innen flexibel und bedarfsgerecht und bietet so Entlastung, Unterstützung und Orientierung während der Zeit der Anhaltung und darüber hinaus.