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Kognition und Kurzvideos - Welche Bereiche unseres Denkens beeinflussen TikTok und Co.?

Wenn es um den Umgang von Jugendlichen mit neuen Medien oder unerwünschten Inhalten geht, sind die Rufe nach Verboten immer schneller da und vor allem lauter als die Stimme der Expert_innen und Betroffenen. Eltern geben sich überfordert mit der Erziehung und der Gestaltung des Alltags der Kinder & Jugendlichen durch die Konkurrenz der Smartphones, die Schulen fühlen sich nicht zuständig, lösen individuell oder führen ein flächendeckendes Handyverbot ein...

Die öffentliche Diskussion um Social Media und mögliche negative Konsequenzen der Plattformen auf unser Leben befindet sich in Österreich derzeit wohl auf einem Allzeithoch. Die Debatten um ein Social-Media-Verbot für Kinder und das österreichweite Handyexperiment (Verzicht aufs Handy für drei Wochen) sind auch mit der Frage verknüpft, ob und wie TikTok und Co. unsere Denkleistung negativ beeinflussen. Insbesondere Kurzvideos, wie sie in Form von TikToks, Youtube-Shorts oder Instagram-Reels existieren, stehen schon seit längerem im Verdacht, „Brainrot“ (dt. „Hirnfäule“) zu verursachen und vor allem junge Menschen dümmer zu machen. Dem pauschal zuzustimmen, erscheint auf Basis des derzeitigen Forschungsstandes jedoch gewagt.

Aus einer aktuellen Überblicksstudie zum Thema[1] geht eindeutig hervor, dass häufiger Konsum von Kurzvideos mit einer moderat verschlechterten Aufmerksamkeitsleistung und Impulskontrolle von Nutzer_innen zusammenhängt. Dies zeigt sich über unterschiedliche Plattformen und Altersgruppen hinweg, wobei unklar scheint, wie beständig diese negativen Auswirkungen sind[2].

Grundsätzlich wird durch diese Ergebnisse also die verbreitete Annahme gestützt, dass schnelllebige und stark stimulierende Kurzvideos die Fähigkeit schwächen, die eigene Aufmerksamkeit ausdauernd auf anspruchsvolle Tätigkeiten wie Lesen oder vertieftes Lernen zu lenken. Außerdem sprechen die Ergebnisse dafür, dass die algorithmisch kuratierten Inhalte impulsives Verhalten „trainieren“, indem sie die Möglichkeit bieten, jederzeit zu neuen, stark fesselnden Inhalten zu wischen. 

Abgesehen von unserer Aufmerksamkeit und Impulsivität geben die Autor_innen der Studie aber zu bedenken, dass die Effekte der Kurzvideos auf andere Bereiche des Denkens, wie das logische Schlussfolgern oder das Gedächtnis, noch weniger gut erforscht sind.

Außerdem scheinen die individuellen Ausgangsbedingungen der Nutzer_innen für die Auswirkungen der Kurzvideos mitentscheidend zu sein. Manche Menschen nutzen sie häufig, ohne dabei nennenswerte Schwierigkeiten zu haben, insbesondere wenn die Inhalte mit ihren persönlichen Zielen übereinstimmen oder die Nutzung in einen ausgewogenen Tagesablauf integriert ist. Bei anderen kann eine hohe Nutzungsintensität dagegen zu den oben beschriebenen Problemen führen.

Für ein umfassendes Bild von den Auswirkungen von Kurzvideos auf unser Denken reichen aktuelle Studien also noch nicht aus. Der Aussage, dass TikTok und Co. uns dümmer machen, kann nach jetzigem Kenntnisstand eingeschränkt zugestimmt werden.

 

[1] Nguyen, L., Walters, J., Paul, S., Monreal Ijurco, S., Rainey, G. E., Parekh, N., Blair, G., & Darrah, M. (2025). Feeds, feelings, and focus: A systematic review and meta-analysis examining the cognitive and mental health correlates of short-form video use. Psychological bulletin, 151(9), 1125–1146. https://doi.org/10.1037/bul0000498

[2]Arouch, S., da Silva, K., Edgcumbe, D., & Pezaro, S. (2025). The impact of short-form video use on cognitive and mental health outcomes: a systematic review. medRxiv, 2025-08.