"Arbeit, um Teil der Gesellschaft zu sein" - Ein Gespräch mit Barbara Waidhofer
Barbara Waidhofer leitete den Dialog-Standort "Sucht und Beschäftigung", der suchterkrankten Menschen dabei unterstütze, zurück ins Arbeitsleben zu finden und der nun nach 30 Jahren schließen musste.
Zu allererst: Mit welchen Themen hat sich den Standort in erster Linie beschäftigt?
Der Standort Sucht und Beschäftigung, vormals Needles or Pins, hat sich stets mit der Frage auseinandergesetzt, wie Sucht und Beschäftigung zusammengehen, was Menschen mit Suchterkrankung brauchen, um ihre Arbeitsfähigkeit zu erhöhen und letztlich auch einen Platz in der Arbeitswelt zu finden. Das Besondere war, dass sämtliche Angebote wie multiprofessionelle Betreuung (psychosozial sowie medizinisch/psychiatrisch), arbeitsmarktpolitische Maßnahmen wie Kursangebote und zuletzt eine BBE zielgruppengerecht unter einem Dach zur Verfügung standen.
Warum standen?
Mit Ende 2025 mussten die BBE Standfest und der Standort Sucht und Beschäftigung nach fast 30 Jahren die Türen aufgrund der Sparmaßnahmen schließen.
Warum war bzw. ist für dich die berufliche Integration von Menschen mit Suchterkrankung ein so wichtiges Thema?
Menschen mit Suchterkrankung müssen häufig nicht nur mit unterschiedlichen psychosozialen und gesundheitlichen Herausforderungen leben, sondern erfahren auch Schwierigkeiten in der sozialen und beruflichen Teilhabe. Arbeitslosigkeit kann eine Folge, aber auch ein Verstärker von Suchterkrankung sein und den Verlauf negativ beeinflussen. Sinnstiftende Tätigkeiten, geregelte Tagesstruktur sowie soziale Kontakte tragen meines Erachtens wesentlich zur Rehabilitation von Suchterkrankungen bei, so gesehen haben der Arbeitsmarkt wie auch die Sozialpolitik einen großen Auftrag, Menschen mit psychischen Problemen wie Suchterkrankungen Chancen zu geben.
Wo siehst du die Herausforderungen für suchtkranke Menschen auf dem Arbeitsmarkt?
Viele der Betroffenen haben lange Phasen der Arbeitslosigkeit, Lücken im Lebenslauf und unterschiedliche körperliche bzw. psychische Begleit- oder Grunderkrankungen. Das schränkt die Arbeitsfähigkeit sehr ein. Zusätzlich holt oft die Vergangenheit unsere Klient_innen ein, mit einem Schuldenberg, der zu regulieren ist, Vorstrafen sowie fehlenden positiven Beziehungs- und Arbeitserfahrungen. Dazu kommt die Stigmatisierung, wenn die Suchterkrankung angesprochen oder bekannt wird. Eine Zielgruppe, die mir sehr am Herzen liegt, sind arbeitsuchende suchtkranke Frauen. Diese sind oft schwerer zu erreichen, konsumieren häufig leiser und weniger auffällig. Zu dem kommt meist eine Mehrfachbelastung sowie eine Marginalisierung auf mehreren Ebenen. Die Ressourcen und Überlebensstrategien, die diese Zielgruppe in sich trägt, bekommt wenig Augenmerk.
Was brauchen Menschen mit Suchterkrankung, um beruflich wieder Fuß fassen zu können?
Menschen mit Suchterkrankungen brauchen vor allem eines: ein Umfeld, das ihnen mit Verständnis, Zutrauen, Geduld und konkreten Chancen auf Augenhöhe begegnet. Mir erscheint ein schrittweiser Wiedereinstieg zentral. Das kann bedeuten, passende Rahmenbedingungen zur Verfügung zu stellen, die erste positive Arbeitserfahrungen und Erfolgserlebnisse erzeugen, wie das häufig in arbeitsmarktintegrativen Maßnahmen wie z. B Sozialökonomischen Betrieben möglich ist.
Andererseits braucht es auch eine Sensibilisierung in Betrieben und Unternehmen, damit Mitarbeiter_innen mit einer Suchterkrankung die bestmögliche Unterstützung bekommen, um ihren Arbeitsplatz auch behalten zu können.
Letztlich ist in Sachen Entstigmatisierung von Menschen mit psychischen Erkrankungen, insbesondere Suchterkrankungen, noch viel zu tun, um auch die Stärken und Kompetenzen sehen zu können. Daraus erhoffe ich mir mehr Chancen für gesellschaftliche Teilhabe für diese Personengruppe.
Ich würde gerne das Interview mit den Worten einer Klientin beenden, die lange bei uns in Betreuung war und unterschiedliche Angebote zur Arbeitsmarktreintegration in Anspruch genommen hat: Ich möchte nicht wegen einer Tagesstruktur arbeiten, auch nicht unbedingt wegen des Geldes. Eine sinnvolle Beschäftigung ist zwar nett, aber eigentlich möchte ich eine Arbeit haben, um Teil der Gesellschaft zu sein und meinen Teil dazu beizutragen.