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Was Deutschlands Cannabis-Evaluation zeigt

Seit 2024 ist in Deutschland ein liberales Cannabisgesetzes in Kraft. Ein gemeinsames Forschungsprojekt mehrerer deutscher Universitäten führt bis 2028 eine Evaluation der Maßnahme durch. Hier ein Zwischenbericht.

Der zweite Zwischenbericht des Forschungsprojekts EKOCAN (Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Universitätsklinikum Düsseldorf und Universität Tübingen, April 2026) untersucht die Auswirkungen des deutschen Konsumcannabisgesetzes (KCanG, in Kraft seit 1. April 2024), das Besitz und Eigenanbau von Cannabis für Erwachsene teillegalisiert hat. Die Evaluation läuft bis April 2028, die Ergebnisse sind daher vorläufig.

Zentrale Befunde:

  • Cannabismarkt: Legale Bezugswege gewinnen an Bedeutung, allen voran Cannabis für medizinische Zwecke – 2025 waren in Deutschland bis zu 200 Tonnen Cannabis verfügbar, womit sich dort der größte legal-kommerzielle Cannabismarkt Europas entwickelt hat. Zahlreiche Online-Plattformen vermarkten das verschreibungspflichtige Präparat erkennbar auch an Freizeitkonsumierende. Der private Eigenanbau steigt (von 5,4 % auf 21,4 % der Konsumierenden als Hauptbezugsquelle), während der gemeinschaftliche Anbau in Cannabis-Clubs bislang kaum Wirkung zeigt (nur 366 genehmigte Vereine bundesweit). Gleichzeitig hat sich das vom Zoll sichergestellte Cannabis 2025 mehr als vervierfacht – ein Allzeithoch.
  • Kinder- und Jugendschutz: Die Konsumprävalenz unter Jugendlichen ist stabil bis leicht rückläufig, die Risikowahrnehmung ist nicht gesunken. Besorgniserregend: Jugendliche nehmen seltener Frühinterventionsprogramme (z. B. „FreD“) in Anspruch, da die Entkriminalisierung dazu führt, dass die Justiz weniger junge Menschen dorthin vermittelt. Die im Gesetz vorgesehene Kompensation (§ 7 KCanG) greift bislang nicht.
  • Gesundheitsschutz: Der langjährige Trend steigender cannabisbedingter Gesundheitsprobleme unter Erwachsenen setzt sich fort, ein kurzfristiger Einfluss der Teillegalisierung ist bisher nicht klar erkennbar. Auffällig: Die Inanspruchnahme ambulanter Suchtberatung durch junge Erwachsene sinkt trotz steigender Konsumzahlen.
  • Organisierte Kriminalität: Der Schwarzmarkt wurde teilweise zurückgedrängt, eine finanzielle Schwächung der organisierten Cannabiskriminalität lässt sich aber noch nicht belegen – es gibt sogar Hinweise, dass diese versucht, in den legalen Markt einzudringen. Befragte Strafverfolgungsbehörden berichten von geringerem Verfolgungsdruck und bewerten das Gesetz insgesamt eher negativ.
  • Cannabis für medizinische Zwecke: Hochpotente Blüten (THC-Gehalt über 10–15 %) dominieren den Markt, obwohl die wissenschaftliche Evidenz für ihren medizinischen Nutzen begrenzt ist. Online-Plattformen verstoßen laut einer begleitenden juristischen Bewertung systematisch gegen das Heilmittelwerbegesetz, ohne dass dies wirksam geahndet wird.

Für die Suchtprävention in Österreich ist besonders interessant, dass eine Teillegalisierung offenbar nicht automatisch zu höherem Konsum bei Jugendlichen führt, dass aber Frühinterventionsangebote strukturell an Reichweite verlieren können, wenn strafrechtliche Zuweisungswege wegfallen – ein Aspekt, der bei ähnlichen Reformdebatten mitgedacht werden sollte. Folgende Ergebnisse der Evaluation in Bezug auf Jugendliche und junge Erwachsene scheinen mir auch besonders erwähnenswert:

  • Konsummotive sind sehr heterogen: In den qualitativen Interviews nannten junge Konsumierende neben Entspannung und Geselligkeit auffallend oft Selbstmedikation als Hauptgrund – etwa bei ADHS, Depressionen, Angststörungen, Schlafstörungen oder Schmerzen. Viele bevorzugten Cannabis explizit gegenüber verschriebenen Medikamenten. Für einige junge Erwachsene war Cannabis zudem ein "Ersatz" für frühere problematische Konsummuster anderer Substanzen (inkl. Alkohol).
  • Erstkonsum meist über Alkohol: Bei den befragten Jugendlichen ging dem Cannabiskonsum in den meisten Fällen bereits ein Alkoholkonsum voraus – Präventionsprogramme kamen für viele "zu spät", weil der Substanzkonsum schon begonnen hatte, bevor sie überhaupt an einem Angebot teilnahmen.
  • Risikowahrnehmung unter jungen Erwachsenen (18–24) bleibt stabil niedriger als bei Jugendlichen: Während bei den 15–17-Jährigen die wahrgenommene Schädlichkeit seit 2019 kontinuierlich steigt (2025: 70,6 %), stagniert sie bei den 18–24-Jährigen bei nur rund 44,5 % – nahezu unverändert seit 2019. Das ist bemerkenswert, weil ausgerechnet diese Altersgruppe die höchste Konsumprävalenz und laut Studienlage ein besonders hohes Gesundheitsrisiko aufweist.
  • Kaum Nutzung von Präventions- und Hilfsangeboten bei jungen Erwachsenen: Fast die Hälfte (44 %) der 18–25-Jährigen nutzte in den letzten 12 Monaten kein einziges cannabisbezogenes Präventionsangebot. Safer-Use-Tipps, Wissens- oder Selbsttests wurden nur von 1,6–5,3 % in Anspruch genommen – auffällig ist aber, dass junge Erwachsene (18–26 Jahre) Safer-Use-Tipps immerhin gut doppelt so häufig nutzten wie ältere Erwachsene (12,1 % vs. 4,2 %). In den Interviews gaben viele an, spezialisierte Angebote wie drugcom.de gar nicht zu kennen, und sahen für sich selbst "keinen Bedarf mehr", weil sie sich bereits als erfahrene Konsumierende einschätzten.
  • Verschiebung der Beratungsanlässe: Fachkräfte berichten, dass Cannabis inzwischen seltener die Hauptsubstanz ist, wegen der junge Menschen in Beratung kommen – stattdessen nimmt der (oft unbemerkte) Mischkonsum mit verschreibungspflichtigen Schmerz- und Beruhigungsmitteln zu, mit teils lebensbedrohlichen Situationen, ein Trend, der bereits seit der Corona-Pandemie beobachtet wird.
  • Wunsch nach genereller statt cannabis-spezifischer Prävention: Sowohl die befragten jungen Konsumierenden als auch die Fachkräfte plädierten übereinstimmend für eine lebensweltnahe, alterstypische Suchtprävention (Reflexion des eigenen Konsums, Einbezug von Alkohol und Social Media), statt isolierter Cannabis-Kampagnen — und für mehr aufsuchende, selektive Angebote statt reiner Plakat-/Websitekampagnen, die diese Zielgruppe kaum erreichen.