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Arbeit macht krank/gesund?

„Ohne Kokain schaffe ich das Arbeitspensum nicht.“„Wirklich zu trinken begonnen habe ich mit den Kollegen.“ „Wenn ich abends heimkomme, brauche ich ein Glas Wein, um runterzukommen.“ Diese und ähnliche Aussagen hören wir in der Beratung von Berufstätigen immer wieder. Steigender Arbeitsdruck, unklare Strukturen, Intransparenz und fehlende Kommunikation, Konkurrenz unter Kolleg_innen, Überforderung mit technischen Veränderungen – das sind nur einige Herausforderungen, die das Arbeitsleben mit sich bringen kann.

Dazu kommen in manchen Betrieben eine alkoholdominierte Feierkultur und Alkoholkonsum als verbindendes Element in Teams („Feierabendbier“). Ist Arbeit also ein Risikofaktor in Hinblick auf eine Suchtentwicklung?

Vorab sei eines klargestellt: Nicht Arbeit, sondern Arbeitslosigkeit gilt im Allgemeinen als Risikofaktor für die Entstehung einer Sucht. Eine lang dauernde Beschäftigungslosigkeit oder der Verlust des Arbeitsplatzes hat zahlreiche Auswirkungen auf die Psyche, das Sozialleben und die finanziellen Möglichkeiten der betroffenen Person. Neben dem geringeren Einkommen sind es vor allem die (Tages-)Struktur und die sozialen Kontakte, die mit dem Job wegfallen. Doch auch das Selbstwertgefühl sinkt oftmals bei einem Jobverlust: Arbeit stiftet Sinn, das Gefühl, gebraucht zu werden, stärkt das Selbstbild als aktiver Mensch. All das zu verlieren, führt oft zu Krisen. Im Zusammenhang mit anderen Risikofaktoren besteht die Gefahr, einen bestehenden Konsum zu verstärken oder Zuflucht zu Substanzen zu suchen.

Arbeit kann somit im Gegenzug als stabilisierender, sinnstiftender Faktor gesehen werden. Doch wie alle anderen Faktoren im Ursachenmodell kann sie Risiko- oder Schutzfaktor sein. Viel hängt davon ab, wie der Arbeitsplatz gestaltet und die Aufgaben verteilt sind. Tatsächlich beobachten wir, dass die Anforderungen an Arbeitnehmer_innen steigen. Allem voran ist hier die Digitalisierung zu nennen, die einerseits Arbeitsprozesse erleichtert, andererseits jedoch das Tempo erhöht und eine ständige Auseinandersetzung mit neuen Möglichkeiten erforderlich macht. Immer erreichbar zu sein, geht damit ebenso einher wie extrem rasches Reagieren, was wiederum zu Überforderung führen kann. Dazu kommt gerade aktuell die bange Frage, ob KI Arbeitsplätze vernichtet. Diese Angst trifft auf eine Phase der Jobunsicherheit: Einsparungen auf allen Ebenen, wirtschaftliche Probleme auch großer Unternehmen und der Ruf nach schlankeren Strukturen schüren Befürchtungen. Dabei taugt die aktuelle politische und wirtschaftliche Situation weltweit nicht zur Beruhigung. 

Gerade weil diese Entwicklungen zum Teil nicht beeinflusst werden können, sollten Betriebe Strategien entwickeln, um einen adäquaten Umgang damit zu finden. Hier kommt die Betriebskultur ins Spiel: Wenn Probleme benannt werden, eine offene Kommunikation darüber möglich ist und Mitarbeiter_innen auf Augenhöhe begegnet wird, können Krisen gemeinsam bewältigt werden. Ein Miteinander bringt nicht nur einen erhöhten wirtschaftlichen Erfolg, sondern sorgt auch dafür, dass niemand auf der Strecke bleibt. Klare Regeln, etwa im Umgang mit digitale Medien, helfen dabei, Druck zu minimieren. Konkrete Beispiele sind, wie rasch auf eine Nachricht reagiert werden muss, oder Vertretungsregelungen, damit sich abwesende Personen tatsächlich „ausklinken“ können. Auch die klare Definition von Aufgaben und Verantwortungen trägt zu Klarheit bei. Wenn der Rahmen, in dem sich Arbeitnehmer_innen bewegen, klar ist, können sie sich selbst organisieren.

Für die einzelne Mitarbeiter_in bedeutet das eine Erhöhung der Selbstwirksamkeit, ein wichtiger Faktor in der Suchtvorbeugung. Wenn darüber hinaus eine offene Auseinandersetzung mit den Themen Suchtmittelkonsum und psychischen Belastungen stattfindet und innerbetrieblich Unterstützung geboten wird, wird Arbeit zu dem was es sein sollte: ein Schutz- und kein Risikofaktor.